Geschichte
Ōfukucha zu Neujahr: wie Japan mit Hatsugama das Teejahr beginnt
In Japan hat der Jahreswechsel einen eigenen Tee. Ōfukucha heißt der Aufguss, der am Neujahrsmorgen getrunken wird, oft mit Kombu und einer eingelegten Pflaume in der Schale. Im Teeweg kommt dazu das Hatsugama, die erste Teerunde des Jahres im Januar. Beides ist leicht nachzumachen, und beides erklärt, warum das Teejahr in Japan gleich zwei Anfänge hat.
Was Ōfukucha ist
Ōfukucha ist der Tee des Jahresanfangs. Getrunken wird er am Neujahrsmorgen, in vielen Haushalten vor allem in und um Kyoto. Geschrieben wird der Name meist mit den Zeichen für großes Glück, es kursieren aber auch Schreibweisen mit den Zeichen für kaiserliches Gewand beziehungsweise königliches Gewand, was auf die Herkunftsgeschichte verweist. Gemeint ist kein bestimmter Tee im Sinne einer Sorte, sondern ein Anlass: der erste Aufguss des Jahres, festlich zubereitet und meist mit Beigaben in der Schale. In der Praxis begegnet der Brauch heute in zwei Formen. Im Alltag ist es ein Aufguss aus Blatttee oder schlicht heißes Wasser über Kombu und einer eingelegten Pflaume. Im Teeweg dagegen wird Matcha aufgeschlagen, und dabei zeigt sich, wie ernst die Schulen den Jahreswechsel nehmen. Beide Formen tragen denselben Namen, und beide meinen dasselbe: der erste bewusst zubereitete Tee des Jahres.
Die Überlieferung von Rokuharamitsu-ji
Der Ursprung wird an einen Ort geknüpft: den Tempel Rokuharamitsu-ji im Osten Kyotos, im Stadtbezirk Higashiyama. Der Tempel selbst nennt für seine Gründung das Jahr 951, japanisch Tenryaku 5, und als Gründer den Wandermönch Kūya, der eine selbst geschnitzte Figur der elfköpfigen Kannon auf einem Wagen durch Kyoto zog. Die Überlieferung verbindet den Brauch zusätzlich mit Kaiser Murakami: Der Kaiser soll den vom Tempel gereichten Tee angenommen und ihn anschließend für den Jahresanfang übernommen haben. Aus dieser Begegnung erklärt sich die Schreibweise mit dem Zeichen für kaiserlich. Aus der Hofsitte wurde ein Brauch der Bevölkerung, der Jahr für Jahr zum Jahreswechsel wiederholt wurde. Der Tempel führt die Sache bis heute weiter: In seinem Jahreskalender steht für den Jahresanfang die Ausgabe des Kobukucha. Beschrieben wird er dort in einer besonderen Form, mit lotusblattartig aufgespaltenem grünem Bambus, einer kleinen eingelegten Pflaume und geknotetem Kombu in der Schale. Ausgegeben wird er nach Angabe des Tempels an den ersten drei Tagen des neuen Jahres.
Was in die Schale kommt
Die klassischen Beigaben sind schnell aufgezählt: schwarze Sojabohnen, Kombu, eine eingelegte Pflaume, gelegentlich Sanshō-Pfeffer. Darüber kommt Sencha oder einfach heißes Wasser. Jede Zutat trägt einen Wunsch für das neue Jahr, und alle sind essbar, gehören also mit in die Schale und nicht auf den Rand. Ein zweites Detail ist das Wasser: Traditionell wird für den Neujahrstee Wakamizu verwendet, das erste am Neujahrsmorgen geschöpfte Wasser. Praktisch heißt das heute frisch abgelassenes, weiches Leitungswasser, kein Restwasser aus dem Kocher vom Vortag. Wenn du den Brauch mit Matcha statt mit Blatttee nachstellen willst, lass Kombu und Pflaume weg oder reiche sie getrennt dazu: Salz und Säure vertragen sich mit aufgeschlagenem Pulvertee schlecht. Für den Matcha selbst bleibt es bei 2 Gramm auf 70 bis 80 Grad heißes Wasser. Wer beides zusammen erleben will, trinkt den klassischen Ofukucha zuerst und schlägt danach eine Schale Matcha auf.
Der weiße Bambusbesen von Omotesenke
Im Teeweg hat der Jahresanfang eine eigene Handschrift. Die Schule Omotesenke schlägt zum Ōfukucha am Neujahrsmorgen Matcha mit frisch geschöpftem Wakamizu auf und benutzt dabei einen Besen aus weißem Bambus, obwohl sie im übrigen Jahr mit Susudake arbeitet, also mit dunklem, über Jahrzehnte rauchgeschwärztem Rußbambus. Der Wechsel hat einen einfachen Grund: Das Jahr beginnt mit neuem, hellem Gerät. Urasenke wiederum arbeitet ohnehin mit hellem Bambus und setzt andere Zeichen für den Jahresanfang. Wer die Unterschiede zwischen den Schulen im Detail nachlesen will, findet sie in „Urasenke und Omotesenke: die Teeschulen im Unterschied“. Für zu Hause ist die Lehre daraus hübsch praktisch: Der Jahreswechsel ist ein guter Zeitpunkt, einen ausgefransten Besen zu ersetzen und die Dose vom Vorjahr ehrlich zu prüfen. Ein neuer Besen kostet wenig und verändert das Ergebnis in der Schale sofort sichtbar.
Hatsugama: der erste Kessel des Jahres
Neben dem häuslichen Neujahrstee steht die erste Teerunde des Jahres, das Hatsugama, wörtlich der erste Kessel. Der Kern ist schnell gesagt: eine Teerunde zu Jahresbeginn, ausgerichtet vom jeweiligen Lehrhaus. Wie sie im Einzelnen abläuft, legt jede Schule für sich fest; gemeinsam ist ihnen der Anlass, nicht die Form. Genau dafür stehen die Häuser: Omotesenke gibt Chanoyu nach eigener Darstellung seit über vierhundert Jahren im Fushin-an weiter, und Urasenke beschreibt den Teeweg als eine Lebenskunst, deren Grundsätze Harmonie, Achtung, Reinheit und Stille sind. Der Jahresanfang ist der Termin, an dem das einmal im Jahr vor Gästen zusammenkommt. Für Lernende ist er zugleich eine Standortbestimmung, weil hier zum ersten Mal im Jahr vor Publikum zubereitet wird. Übertragen auf den Alltag zu Hause funktioniert der Gedanke erstaunlich gut: ein fester Termin am Jahresanfang, eine bewusst zubereitete Schale, nichts nebenher. Wer daraus eine Gewohnheit machen will, findet einen realistischen Ablauf in „Matcha-Morgenroutine: In 3 Minuten zur fertigen Schale“, und wer den Januar ohnehin als Ritualmonat nutzt, in „Dry January mit Matcha: das Ritual für einen Monat ohne Alkohol“.
Warum das Teejahr zweimal beginnt
Kurios ist, dass der Kalender des Teewegs den Jahresanfang gar nicht im Januar sieht. Das eigentliche Teeneujahr ist das Kuchikiri, wörtlich das Öffnen des Siegels, und es liegt Ende Oktober bis Anfang November. Dann wird der Krug geöffnet, in dem das im Mai gepflückte Blatt seit der Ernte lagert. Das Blatt wird in der Mühle zu Matcha gemahlen, gesiebt und anschließend als dicker und als dünner Tee verkostet. Damit richtet sich das Teejahr nach dem Blatt, nicht nach dem Kalender: Frisch ist Matcha im Spätherbst, nicht im Frühjahr. Der Januar ist dagegen der gesellschaftliche Anfang. Beides nebeneinander ergibt ein sehr brauchbares Bild davon, wie eng Ernte, Lagerung und Ritual zusammenhängen. Der Zusammenhang mit der Ernte selbst steht in „Shincha: der erste Tee des Jahres und was er mit Matcha zu tun hat“.
So machst du deinen eigenen Jahresanfang
Für den ersten Januar reicht wenig. Nimm 2 Gramm Pulver, siebe es in die trockene, vorgewärmte Schale, gib erst einen Schluck Wasser dazu und rühre glatt, dann füll auf rund 70 Milliliter mit 70 bis 80 Grad heißem Wasser auf und schlag durch. Der Deutsche Tee & Kräutertee Verband beschreibt denselben Ablauf: Pulver zuerst mit wenig Wasser cremig rühren, dann aufgießen. Wer die Beigaben will, stellt Kombu und eingelegte Pflaume auf einem kleinen Teller daneben. Rechnerisch reicht dafür wenig Pulver: Aus 30 Gramm werden bei 2 Gramm je Schale rund 15 Schalen, ein Jahresanfang kostet also genau eine davon. Für den ersten Tag des Jahres ist außerdem eine frische Dose die schönere Wahl als der Rest vom Vorjahr, und der Rest vom Vorjahr ist immer noch gut genug zum Backen.
Quellen
- Wikipedia (japanisch) - Ofukucha: Neujahrstee, Ueberlieferung um den Moench Kuya und Kaiser Murakami, Rokuharamitsu-ji in Kyoto, Jahresangabe 951 (Tenryaku 5), Zutaten schwarze Bohnen, Kombu, Umeboshi und Sansho, Zubereitung mit Wakamizu, Omotesenke schlaegt dazu mit weissem Bambusbesen auf ↗
- Rokuharamitsu-ji, offizielle Seite mit den Jahresterminen: fuer den Jahresanfang ist die Ausgabe des Kobukucha (Ofukucha) aufgefuehrt ↗
- Rokuharamitsu-ji, offizielle Seite zur Tempelgeschichte: Gruendung 951 (Tenryaku 5) durch Kuya, elfkoepfige Kannon auf dem Wagen durch Kyoto, Kobukucha mit lotusblattartig aufgespaltenem gruenem Bambus, kleiner eingelegter Pflaume und geknotetem Kombu, Ausgabe an den ersten drei Tagen des neuen Jahres ↗
- Omotesenke Fushin'an, offizielle englische Seite: Chanoyu wird seit ueber 400 Jahren im Fushin'an weitergegeben; Fushin'an ist der Name des von Rikyu gefuehrten Teeraums und zugleich einer der Namen des jeweiligen Iemoto Sen Sosa ↗
- Wikipedia (japanisch) - Sado: Kuchikiri als Teerunde des Jahresbeginns Ende Oktober bis Anfang November, bei der das im Mai gepflueckte und im Krug gelagerte Blatt geoeffnet, in der Muehle zu Matcha gemahlen und als dicker und duenner Tee verkostet wird ↗
- Urasenke, offizielle Seite An Introduction to Chado: der Teeweg als Lebenskunst, deren Grundsaetze Harmonie, Achtung, Reinheit und Stille sind ↗
- Deutscher Tee & Kraeutertee Verband - Die Zubereitung: Matcha-Pulver zuerst mit 2 Essloeffeln kaltem Wasser cremig ruehren, die Creme dann mit 150 Millilitern heissem Wasser uebergiessen (Anleitung aus dem Matcha-Latte-Rezept) ↗
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine medizinische Beratung dar.



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